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Polyneuropathie (engl. polyneuropathy)

Polyneuropathien sind Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Dies bedeutet, dass diejenigen Nerven betroffen sind, die außerhalb des Gehirns und Rückenmarks vorkommen. Dabei kann die Polyneuropathie bei den sensiblen (= leiten Sinneseindrücke) und motorischen (= regeln die Muskeltätigkeit) Nerven auftreten. Die typischen Erstsymptome sind Missempfindungen wie Kribbeln oder "Ameisenlaufen" und Irritationen im Temperaturempfinden, die häufig mit dem Anfassen einer brennenden Herdplatte verglichen werden. Es folgen Sensibilitätsstörungen, wie Berührungsunempfindlichkeit und herabgesetztes Vibrationsempfinden. Schließlich kommen chronische Schmerzen hinzu, die hauptsächlich die Füße, Hände und Unterschenkel betreffen. Genaue Angaben über die Häufigkeit von Polyneuropathien gibt es nicht. Man geht von einem Erkrankten auf 2500 Personen aus.

Was sind mögliche Ursachen von Polyneuropathien?

Die Gründe für die Erkrankung sind sehr mannigfaltig. Die häufigsten Formen sind - zu je einem Drittel - die diabetische und die alkoholische Polyneuropathie. Weitere Ursachen können sein:
  • von außen zugeführte toxisch wirkende Substanzen: Hierzu zählen Medikamente, wie Zytostatika oder Chemotherapeutika, oder Vergiftungen mit Blei oder Thallium.
  • Porphyrie, eine erworbene oder erbliche Stoffwechselstörung der Biosynthese des roten Blutfarbstoffs;
  • Urämie (Harnvergiftung);
  • Infektionen, wie Borreliose (Zeckenbiss!), HIV-Erkrankung, Diphtherie und Lepra;
  • angeborene Polyneuropathien (selten!): Es handelt sich um die familiäre Amyloidneuropathie, die hereditäre motorisch-sensible Neuropathie und die chromatische Leukodystrophie;
  • Krankheitsbilder, die Symptome einer Polyneuropathie aufweisen können. Dies sind: das Guillain-Barre-Syndrom (Autoimmunkrankheit), der Botulismus, die funikuläre Myelose (Rückenmarkserkrankung) und die Tabes dorsalis (syphilisbedingte Rückenmarksschwindsucht).
  • endokrine (=das Hormonsystem betreffende) Erkrankungen, wie beispielsweise eine Schilddrüsenunterfunktion;
  • Störungen bei der Aufnahme von Nahrungsstoffen über den Darm (bsp. Zöliakie)oder Vitaminmangelkrankheiten (Pellagra, Beriberi).
Die Ursachen für die Nervenschädigung sind unterschiedlich, führen aber zu ähnlichen Symptomen. Die so genannte metabolische (=stoffwechselbedingte) Polyneuropathie ist bei Diabetes mellitus wahrscheinlich auf einer Schädigung von kleinsten Gefäßen, welche die Nerven versorgen, zurückzuführen. Außerdem haben die bei der Zuckerkrankheit entstehenden Ketonkörper (Stoffwechselprodukte) eine gewisse neurotoxische Wirkung.

Bei der alkoholischen Polyneuropathie führen Vitaminmangel und Fehlernährung zur Schädigung des Vorderhorns (Rückenmark) und dann zu den Ausfällen der peripheren Nerven.

Was sind die Symptome der Polyneuropathie?

Zunächst berichten die Patienten über Kribbelgefühle ("Ameisenlaufen"), unangenehme Druckgefühle, verändertes Temperaturempfinden ("Brennen") und Taubheitsgefühl in den Beinen und Armen. Die Muskelbeschwerden reichen von (Waden)Krämpfen, Muskelzucken bis hin zu Muskelschwäche und -schwund. Bei der diabetischen Polyneuropathie treten die Missempfindungen vorwiegend an den Füßen und Beinen auf. Die Füße können so unempfindlich werden, dass Verletzungen nicht bemerkt werden. Es kann zu Hautgeschwüren (Ulcera) kommen, die schlecht abheilen und sich leicht mit Bakterien infizieren. Im weiteren Verlauf der Erkrankung klagen die Patienten über einen dauerhaften, brennenden Schmerz im Bereich der peripheren Nerven. Ist auch das vegetative Nervensystem geschädigt, so spricht man von einer so genannten autonomen Polyneuropathie. Sie kann sich in folgenden Symptomen äußern:
  • Blutdruckschwankungen,
  • Herzrhythmusstörungen,
  • Übelkeit und Schwindel,
  • Magenbeschwerden,
  • Darmbewegungsstörungen mit Durchfall oder Verstopfung
  • Blasenproblemen und Impotenz.
Bei der alkoholbedingten Polyneuropathie kommt es zu einer Minderung der Reflexe, Muskelschwund vor allem im Bereich der Waden und Wadendruckschmerz. Ebenso sind Veränderungen im Schweißverhalten möglich (bei alkoholinduzierter Polyneuropathie vermehrter Schweiß im Fußbereich).

Patienten, die von einer urämischen oder nephrogenen Polyneuropathie betroffen sind, also vor allem Dialysepatienten, haben häufig nächtliche Wadenkrämpfe, Bewegungsunruhe in den Beinen (Unruhiges Beinsyndrom) und den brennenden Schmerz in den unteren Extremitäten. Die Ursache für die Polyneuropathie ist die Ablagerung von harnpflichtigen (Harnstoff, Kreatinin und Harnsäure) Substanzen.

Wie erfolgt die Diagnosestellung?

Aufgrund einer eingehenden Anamnese können sich Hinweise auf die zu Grunde liegende Erkrankung ergeben. Besteht ein Diabetes mellitus? Ist der Patient Alkohol- oder Tabletten abhängig? Welche Infektionen hat er durchgemacht? Bei der neurologischen Untersuchung werden die Reflexe, das Vibrationsempfinden (Stimmgabeltest) sowie die Sensibilität und die Motorik geprüft. Laboruntersuchungen geben über die Stoffwechsellage bei Diabetes mellitus Auskunft. Es lassen sich auch Entzündungsparameter und Antikörper gegen bestimmte Krankheitserreger (Borreliose, HIV, Diphtherie und Herpes) ermitteln. Bei alkoholbedingter Polyneuropathie zeigen sich u. a. veränderte Leberwerte, Gerinnungsstörungen und Vitaminmangel (B-Vitamine). Der Nachweis von Vergiftungen mit Blei, Thallium und Arsen ist durch spezielle Analysen aus dem Urin und Blut möglich.

Eine Untersuchung des Liquors (=Nervenwassers) nach einer Lumbalpunktion kann Aufschluss über eine bestimmte Form von Borreliose geben. Messungen der Nervenleitgeschwindigkeit und der Muskelaktivität (Elektromyographie) sind weitere frühdiagnostische Verfahren. Die Entnahme von Nerven- und Muskelgewebe (Biopsie) mit anschließender histologischer Beurteilung wird nur durchgeführt, wenn die bisherigen Untersuchungsergebnisse nicht eindeutig waren.

Wie erfolgt die Behandlung?

Eine ursächliche Therapie beinhaltet immer die Behandlung der zu Grunde liegenden Grunderkrankung. Bei alkoholbedingter Polyneuropathie ist strikter Alkoholverzicht (körperlicher Entzug und Psychotherapie) von Nöten. Die Gabe von Vitamin-B-Präparaten kann die Nervenregeneration unterstützen. Infektiös bedingte Polyneuropathien lassen sich meist mit Antibiotika gut therapieren. Bei Vergiftungen mit Blei oder Arsen kann Penicillamin (Bindemittel) die Wirkung der Gifte reduzieren. Bei der diabetischen Polyneuropathie ist die optimale Einstellung des Blutzuckerspiegels wichtig. Ergänzend kann Thioctsäure gegeben werden. Der brennende Dauerschmerz in den Beinen und die Sensibilitätsstörungen können so schnell vermindert werden.

Eine zentrale Rolle bei der Behandlung kommt der Therapie des polyneuropathischen Schmerzes zu. Es gibt hier mehrere mögliche Varianten, die eine Linderung bringen können und vom Typ der Polyneuropathie abhängig sind:
  • Antidepressiva (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer),
  • zentral (wirken auf Rückenmark und Gehirn) wirksame Analgetika (bsp. Kombinationspräparate aus Metamizol und Chinin),
  • Antiepileptika (Gabapentin, Pregabalin)
  • bei krampfartigen Schmerzen auch Calcium-Antagonisten,
  • ev. Neuroleptika,
  • wiederholte Nervenblockaden mit örtlichen Betäubungsmitteln, usw.
Die Symptome können auch mit physikalischen Therapien gelindert werden, um den Schmerz erträglich zu halten. Die Ziele sind: die Beweglichkeit zu fördern, die Durchblutungsstörungen abzumildern und die Mobilität des Patienten zu erhalten. Zu den physikalischen Therapiemaßnahmen zählen: Wechselbäder, Krankengymnastik, Massagen, elektrische Nervenstimulation, Wärme- und Kälteanwendungen, sowie Gefäßtraining mit Schallwellen, usw.


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