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Autismus (engl. autism)

Der Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Sie manifestiert sich als schwere Kontaktstörung, mit einem Rückzug in die eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt und einer Isolation von der Umwelt. Weitere Merkmale sind Kommunikationsstörungen, eine aufgehobene oder verzögerte Sprachentwicklung sowie Wahrnehmungsstörungen und unspezifische Symptome, wie Angst, Wut, Aggressivität und Selbstverletzung. Jedoch gibt es in Bezug auf die Ausprägung der Symptome außerordentlich große Variationen. Den Autismus darf man sich nicht als eine klar abgrenzte Erkrankung, wie beispielsweise die Röteln vorstellen, sondern als ein Spektrum von Problemen mit verschiedenen Mustern an Symptomen.

Eine abgemilderte Variante des Autismus, bei der keine Entwicklungsverzögerung vorhanden ist, stellt das Asperger-Syndrom dar, das als eine Sonderform des Autismus angesehen wird. Eine "klassische" Symptombeschreibung des Autismus erfolgt nach dem Erstbeschreiber Leo Kanner. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Kanner-Syndrom oder frühkindlichem Autismus, da die Erkrankung vor dem dritten Lebensjahr zum Ausbruch kommt. Autismus muss klar von geistiger Behinderung unterschieden werden, auch wenn autistische Kinder in dieser Hinsicht betroffen sein können.

Die Häufigkeit des Autismus (klassisches Erkrankungsmuster) wird mit vier oder fünf Erkrankten pro 10 000 Menschen angegeben. Jungen erkranken drei- bis viermal häufiger als Mädchen.

Ursachen

Eine spezifische Ursache für den Autismus ist nicht bekannt. Sicher ist man sich, dass der Autismus nicht durch mangelnde Zuwendung, eine schwere Kindheit oder durch Impfungen entsteht. Vielmehr geht man von einer Störung aus, die biologischen Ursprungs ist. So tragen verschiedene Chromosomenanomalien, wie das Fragile-X-Syndrom, zur Entwicklung des Autismus bei. Rückschlüsse auf eine gewisse genetische Disposition lassen auch die Forschungsergebnisse bei eineigigen Zwillingen zu. Eine Rolle scheinen bei der Entstehung des Autismus zudem vor der Geburt durchgemachte Infektionen - zum Beispiel Virusinfektionen, wie Zytomegalie oder Röteln, - zu haben. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Autismus auf verschiedenen Ursachen beruht, eine Verarbeitungsstörung des Gehirns darstellt und dann entsteht, wenn eine Anzahl von möglicherweise ziemlich allgemeinen Faktoren zusammentrifft. Dieses Zusammentreffen kommt selten vor.

Symptome

Von Autismus kann man sprechen, wenn die Kinder in jedem der Bereiche soziale Beziehungen, Sprache, Verhalten und manchmal Intelligenz ein bis drei Auffälligkeiten aufweisen:

Soziale Beziehungen

Die Kinder sind weitestgehend unfähig soziale Beziehungen aufzubauen. So haben autistische Kinder Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen und zeigen größeres Interesse an Gegenständen als an Menschen. Die Betroffenen sondern sich gern von anderen Menschen ab und bleiben ihnen gegenüber gleichgültig ("leben in ihrer eigenen Welt"). Die Autisten spielen lieber allein und knüpfen fast gar keine Kontakte außerhalb der Familie. Im typischen Fall handelt es sich um ein ständig wiederholtes und stereotypes Spiel, bei dem ein und dieselbe Aktivität ständig wiederholt wird, ohne dass Variationen eingebaut werden. Manche autistischen Kinder dulden passiv die Annährungen anderer Menschen, manche suchen ihre Nähe und andere wollen sie überhaupt nicht. Werden soziale Kontakte hergestellt, haben autistische Kinder aber nur ein begrenztes Verständnis für die feinen Regeln des sozialen Verhaltens. Sie erkennen beispielsweise keine Stimmungen bei anderen oder stellen keinen Blickkontakt her und zeigen keine Mimik. Auch das Zurücklächeln unterbleibt.

Sprache

Ungefähr fünfzig Prozent der autistischen Kinder lernt nie, zu sprechen. Die anderen erwerben sehr viel später als Gleichaltrige die Sprache. Sie setzen die Sprache oft auf eine besondere Art ein. So wiederholen sie Fragen oder Äußerungen, die an sie gerichtet waren (Echolalie) oder sie vertauschen Fürwörter. So verwenden sie vor allem "du" statt "ich" oder "mich", wenn sie sich selbst meinen. Selten sind die Betroffenen in der Lage, in einen wechselseitigen Dialog mit anderen zu treten. Es ist durchaus möglich, dass die Erkrankten sehr viel sprechen, aber sie nehmen dabei keine Rücksicht auf die Reaktionen ihrer Zuhörer. Auch die Tonlage und die Sprachmelodie können ungewöhnlich sein.

Verhalten

Autistische Kinder zeigen Widerstand gegenüber Veränderungen. Sie sperren sich beispielsweise gegen Veränderungen, wie neue Speisen, Spielzeuge, einen veränderten Tagesablauf, Umstellen von Möbeln oder neue Kleidungsstücke. Die Betroffenen sind oft extrem anhänglich gegenüber vertrauten Objekten. Typisch ist auch ein ständiges Wiederholen bestimmter Handlungen, wie Schaukeln, mit dem Kopf zucken oder Drehen von Gegenständen. Manche Kinder haben auch selbstzerstörerische Tendenzen. Sie schlagen beispielsweise den Kopf wiederholt an die Wand oder beißen sich selbst in die Hand. Auch ein Bewusstsein für Gefahren kann fehlen. Die Kinder laufen leicht weg, wenn sie nicht streng beaufsichtigt werden.

Intelligenz

Es gibt geistig behinderte Autisten, Erkrankte mit normaler und auch überdurchschnittlicher Intelligenz. Die meisten Betroffenen zeigen auf unterschiedlichen Gebieten verschiedene Leistungen. Bei Tests, bei denen die räumliche Wahrnehmung und motorische Fähigkeiten getestet werden, bewältigen sie für gewöhnlich leichter, als wenn sprachliche Fähigkeiten untersucht werden. Manche verfügen auch über sogenannte Sonderbegabungen, wie überdurchschnittlichen Fähigkeiten im musischen oder rechnerischen Bereich.

Des Weiteren können auch Sonderleistungen auf dem Gebiet des Gedächtnisses genannt werden. So kann ein Text nach kurzem Lesen fehlerfrei wiedergegeben werden. Beachtenswert ist auch ein sogenanntes Kalendergedächtnis. Dabei wird nach kurzem Nachdenken jedem beliebigen Datum der entsprechende Wochentag zugeordnet.

Eine leichte Form des Autismus - das Asperger-Syndrom - ist eine Kontaktstörung, die durch folgende Symptome gekennzeichnet ist:
  • unangemessene soziale Annährungen,
  • eng umschriebene Interessen,
  • sich in gleicher Weise wiederholende Aktivitäten und Verhaltenweisen,
  • außergewöhnliches, unabhängiges und kreatives Denkvermögen,
  • bisweilen motorische Ungeschicklichkeit,
  • Sonderinteressen und Inselbegabungen,
  • ungewöhnliche Art der sozial-sprachlichen Kommunikation (bsp. Das Wort sauer wird wörtlich verstanden, nicht im übertragenen Sinne, wie bei "Vater ist sauer").
Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus besteht keine Entwicklungsverzögerung. Das Syndrom wird häufig erst in der Schulzeit diagnostiziert.

Diagnose

Der behandelnde Mediziner stellt die Diagnose, indem er die Eltern und Lehrer zu Verhaltensauffälligkeiten des Kindes befragt und das Spielverhalten des Kindes beobachtet. Zudem werden standardisierte Tests eingesetzt. Die körperliche und neurologisch-psychatrische Untersuchung wird durchgeführt, um mögliche angeborene Erkrankungen (erbliche Stoffwechselstörungen und Fragiles-X-Syndrom) aufzudecken. Zudem werden die Fähigkeiten des Kindes in Bezug auf die Wahrnehmung (Hören, Sehen), Motorik, Sprache, Intelligenz und Sozialverhalten getestet.

Therapie

Medikamente können an der Kontaktstörung an sich nichts ändern, jedoch lassen sich einige Symptome bessern. Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI), wie Fluoxetin, beeinflussen oft das zwanghafte, ritualisierte Verhalten der autistischen Kinder positiv. Neuroleptika (bsp. Risperidon) können das selbstzerstörerische Verhalten eindämmen. Jedoch haben diese Medikamente auch erhebliche Nebenwirkungen.

Ein weiterer Eckpfeiler in der Therapie ist eine Verhaltenstherapie. Bei dieser psychologischen Behandlung werden auch kleinste Schritte von positivem Verhalten (bsp. Kontaktaufnahme) belohnt. Wichtig ist es, die Eltern in das therapeutische Geschehen einzubeziehen. Eine adäquate Sonderförderung beinhaltet oft noch eine Sprach-, Beschäftigungs- und Physiotherapie.

Gerade beim Autismus werden häufig auch (Außenseiter)methoden angewendet, die aber in ihrer Wirksamkeit nicht wissenschaftlich belegt sind. Vielleicht mögen sie im Einzelfall hilfreich sein. Zu denken ist hier an eine Haltetherapie oder Therapie mit Delfinen oder Pferden.

Verlauf

Der Autismus ist für gewöhnlich eine chronische Störung. Die Prognose hängt im Wesentlichen von den sprachlichen Fähigkeiten ab, die das Kind bis zum achten Lebensjahr erworben hat. Autistische Kinder mit einer unterdurchschnittlichen Intelligenz sind als Erwachsene meist auf eine stationäre Betreuung angewiesen. Autisten, die unter dem Asperger-Syndrom leiden, können als Erwachsene häufig ein eigenständiges, normales Leben führen. Leiden die Betroffenen an Erkrankungsbildern, die zwischen diesen beiden Polen der Symptomausprägung liegen, benötigen sie meist eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Unterstützung bei der Lebensführung.

med. Redaktion Dr. med. Werner Kellner
Aktualisierung 20.06.2008


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